TRAFALGAR
November 1971
1971 war für die Bee Gees
das Jahr der Neuorientierung. Nach dem Schnellschuss 2 Years On musste wieder ein
richtiges Bee-Gees-Album her. Doch nach wie vor war die Zusammenarbeit
aller drei Brüder beinahe eher die Ausnahme. Absurderweise war es
ausgrechnet Maurice Gibb, der sich viel Zeit für
seine Nebenprojekte nahm. Er produzierte (u.a. Jimmy Stevens
und RSO-Mitarbeiter Norman Hitchcock), übernahm
Auftragskompositionen für Werbejingles, arbeitet weiter mit Billy
Lawrie, und war auch mit Lulu im Studio.
Aber auch seine Eigenkompositionen nahm er meist ohne Mithilfe seiner
Brüder auf. (Im Umkehrschluss gibt es viele Barry &
Robin Gibb-Songs auf dem Album.)
Nach Geoff Bridgford wurde Anfang 1971 Alan Kendall als Lead-Gitarrist in die Band aufgenommen. Kendall kam von einer Band namens Toe Fat, die ebenfalls von Robert Stigwood gemanagt wurde und die dieser Ende 1970 auflöste und die Mitglieder in anderen Projekten unterbrachte. So waren die Bee Gees wieder zu fünft.
Was an 'Trafalgar' als erstes auffiel, war der überragende Sound. Während Barry Gibb bereits sein unveröffentlichtes Soloalbum mit der neuen 16-Spur-Technik aufnehmen konnte, war es für die Bee Gees eine Premiere. Nie zuvor klangen akustische Gitarren so klar und das Orchester so voluminös und transparent; der Bass schien die Boxen zu sprengen und das Schlagzeug machte ebenso mächtigen Druck. Eine wirklich sehr saubere Produktion, die eine beinahe intime Stimmung herstellte, was vor allem durch die sehr präsenten Stimmen von Robin und Barry erreicht wurde.
Geichzeitig
hatten die beiden Brüder Songs geschrieben, die an Melancholie und
Sentimentalität kaum zu überbieten waren. Titel wie 'When Do I',
'Remembering' aber vor allem 'Dearest' und 'Lion In Winter' gehen dabei
zeitweise stark an die Grenzen der Parodie ohne sie jedoch zu
überschreiten. Sie sind, wie so viele andere Barry &
Robin-Kompositionen, in meinen Augen faszinierend. Gleichzeitig bilden
sie das Rückgrat des Albums (wie bei Bee
Gees First oder Mr.
Natural, für mich, zusammen mit 'Trafalgar', die besten
Bee-Gees-Alben), um das sich die restlichen Songs perfekt einfügen.
Auch das Tracklisting der Schallplatte war perfekt ausgeklügelt und
verlieh jeder Seite eine ganz eigene Dynamik. Seite 1 gehörte den Barry
& Robin-Kompositionen mit Fokus auf Robin Gibbs
Stimme, während die zweite Seite von Barry und Maurice geprägt wurde
und musikalisch einige neue Akzente setzten konnte. (Hier dominiert Barry
Gibbs Gesang.) Und auch deren Songs sind sehr gut, allen
voran das
fantastische 'Israel'.
Die RSO-Wiederveröffentlichung von 1973 vertauschte die beiden Seiten,
was noch zu verschmerzen war. Die CD-Version zerstörte dieses Konzept
jedoch völlig, in dem sie die Songs neu sortierte.
Obwohl 'How
Can You Mend A Broken Heart' im Sommer 1971 wochenlang die #1 in den
Billboard Charts belegte und die erste #1-Single der Bee
Gees in den Staaten überhaupt war, verkaufte das Album
kaum nennenswerte Stückzahlen. Auch in Europa wurden weder Single noch das Album größer
wahrgenommen. Und selbst die nur in den Staaten veröffentlichte zweite
Single 'Don't Wanna Live Inside Myself' ging unter. Die Bee
Gees platzierten sich zu dieser Zeit mit ihrer Musik zwischen
allen Stühlen. Mit dem neuen Jahrzehnt hatte sich die Musikszene
grundlegend gewandelt. Der Trend ging zum Solokünstler, Bands waren out
(und somit lag die Trennung der Bee Gees 1969
durchaus im Trend, denn welche Sixties-Band hatte es in die 70er Jahre
geschafft?). Der Singer/Songwriter wurde geboren. Er erzählte echte
Geschichten. Dazu reichte ihm oft eine Gitarre. Da lagen die
enigmatischen, oft surrealen Texte der Bee Gees,
die so schön in die Sixties gepasst hatten, weit daneben.
Für Texte dieser Art waren nun die sogenannten Album-Bands
zuständig, die auf Singles weniger angewiesen waren und sich mit
ausladenden Songs im Progressive Rock wiederfanden.
Die Bee Gees waren nicht das eine, noch das andere
und verloren sich immer mehr im Dunst der kommerziellen
Belanglosigkeit. Folgerichtig war 'How Can You Mend A Broken Heart' der
letzte grosse Hit der Brüder Gibb für für einige Jahre.

Das Album
erschien hierzulande im November 1971 mit einem Ausschnitt des Gemäldes
"The Battle of Trafalgar" des britischen Malers Nicholas
Pocock als Cover. In den USA, wo das Album bereits im
September veröffentlicht wurde, hatte es zudem ein schönes
aufklappbares Cover.
1996 wurde 'Trafalgar' von MFSL remastered und als goldene UltraDisc veröffentlicht (Angeblich hat es davon auch eine Vinyl-Ausgabe gegeben. Ist mir aber nie zu Gesicht gekommen.), die die bis 2005 erhältliche Polydor-CD klanglich meilenweit abhängte und somit auch auf diese Weise unterstrich, welch großartige Arbeit hier 1971 geleistet wurde.
Im Jahr 2001 erschien auf der Zusammenstellung 'Their Greatest Hits - The Record' aufgrund eines falsch beschrifteten Masterbands versehentlich eine frühe Version von 'How Can You Mend A Broken Heart', die nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war. Hierauf fehlt Robin Gibbs Gesangspart, der komplett von Barry Gibb übernommen wird. Dabei verzichtet er allerdings auf die inzwischen legendären Seufzer vor dem Refrain. Außerdem enthält die Aufnahme eine alternative Klavierspur, gespielt von Maurice Gibb. Dieser Fehler wurde mit der zweiten Auflage der CD behoben.



