ODESSA
März 1969
Am 19. März 1969 verkündete Robin
Gibb ab sofort Solo weiter zu machen. Die Band begann nach
nur zwei Jahren, aber vier Alben, unzähligen Singles, die weltweit die
Charts gestürmt hatten, endgültig auseinanderzubrechen. Der
Erfolgsdruck wurde für die Band immer größer! Aber die Bee
Gees ohne Robin Gibb? Das war damals
eigentlich undenkbar. Ein Eindruck, den Robin Gibb
damals jedoch nicht mehr hatte. Er hatte einen Machtkampf verloren und
zog seine Konsequenzen daraus. Durch den Eklat um die Wahl der
Single-A-Seite 'First of May'/'Lamplight', der ja ein Jahr zuvor schon
einmal ausgefochten worden war ('Jumbo'/'The Singer Sang His Song') und
die Bevorzugung Barry Gibbs als Leadsänger durch Robert
Stigwood, brachten das Fass zum Überlaufen, zumal
Stigwoods
rücksichtsloser Führungsstil dem Einzelnen in der Band keinerlei
Freiheiten zugestand - und schon gar keine eigene Meinung. Nichts
geschah ohne Stigwoods Zustimmung, er suchte die Klamotten der
Bandmitglieder genauso aus, wie er deren Frisuren bestimmte. Er legte
fest welche Songs veröffentlicht wurden bis hin zum exakten
Tracklisting eines Albums. Zugegeben, viele, vielleicht die meisten,
der Entscheidungen waren zumindest nicht falsch. Aber sie waren nicht
sonderlich weitsichtig, denn sie stiegen und fielen alleine durch der
Kreativität der Brüder Gibb. Sie gegeneinander auszuspielen war
riskant.
Schon die Aufnahmen zu dem Doppelalbum standen unter keinem guten Stern. Robin Gibbs Zusammenbruch im Sommer während des Aufenthalts in den USA, ermöglichte erste Aufnahmen in New York. Eine Woche lang wurden weit über die Hälfte der Songs mehr oder weniger komplett eingespielt. Allerdings größtenteils ohne Robin. Im Oktober, in London, wo man sich in den Trident- sowie den bekannten IBC Studios traf, um das Album fertigzustellen, war Robin Gibb wieder dabei. Anschließend unternahm die Band noch eine kurze Tournee durch Deutschland. Außer einigen TV-Auftritten im Winter als die Single 'First Of May' erschien (und u.a. am 24. Februar der legendäre Auftritt bei der Tom Jones Show zustandekam, der - aus heutiger Sicht - prophetisch zu sein schien, als Robin Gibbs 'I Started A Joke' fließend in Barrys 'First Of May' mündete, beinahe wie eine Staffelübergabe!) war es sehr ruhig um die Band. Beinahe wie die Ruhe vor dem Sturm. Als Barry und Maurice als Bee Gees und Robin Gibb solo im März wieder im Studio standen, endete eine studiofreie Phase der Gibbs von beinahe 6 Monaten!
Der
Opener 'Odessa (City on the Black Sea)' beindruckte nicht nur durch
seine Länge von über 7 Minuten, er versprach mehr als das Album halten
konnte. Ein Konzept, dass man hinter diesem fulminaten Einstieg
erwarten durfte, blieb aus. Und das hatte offenbar nichts mit den
internen Querelen zu tun - es gab schlichtweg keines! Zumal es auch
kaum Outtakes aus dieser Zeit gibt, die auf ein ursprüngliches Konzept
schließen lassen könnten. Robert Stigwood hatte
sich ein Doppelalbum ausgedacht und dafür mussten genügend Songs her.
Neben absoluten Highlights wie 'Lamplight' oder dem Idea-Outtake 'I Laugh In Your Face', gab es leider auch reichlich Durchhänger, bzw Lückenfüller, wie die symphonischen Versuche, die eher Unternehmungen von Maurice Gibb und Bill Shepherd waren und mit der Band selbst nicht viel zu tun hatten. Spätestens hier kann man aber auch verstehen, warum Vince Melouney seinen Hut nahm.
Mit 'First Of May' hatte das Album einen passablen Hit, der jedoch die einzige Singleauskopplung blieb. Ursprünglich sollte auch 'Odessa (City on the Black Sea)' als Single ausgekoppelt werden. Doch die Plattenfirma wollte den Song auf A- und B-Seite splitten, weswegen man die Idee fallen ließ. (Wären die Bee Gees auch zerbrochen wenn es die Single 'First of May'/'Lamplight' so nie gegeben hätte?)
'Odessa' war das letzte Album der Bee Gees, das
einen Monomix erhielt, der für den britischen Markt produziert wurde.
In Deutschland wurde 'First of May' und 'Lamplight' in Mono auf Single
veröffentlicht. 'First of May' wird in dieser Version nicht
ausgeblendet, ist also etwas länger, 'Lamplight' klingt etwas rauher
und druckvoller, da im Monomix die Gitarren in den Vordergrund gemischt
wurden. Für viele die bessere Wahl.
Die Verkäufe
des Albums sehen aus heutiger Sicht eher enttäuschend aus. Sie rühren
aber daher, das die luxuriöse Aufmachung der Alben, nur eine sehr
geringe Erstauflage zuließ. In Deutschland, wo die LPs in einer
Cassette lagen, wurden trotz der damaligen Preisbindung, die Doppel-LPs
sehr teuer machten (35.-DM), alle Exemplare der Erstauflage verkauft.
Die zweite Auflage, war dann schon die bekannte Karussell-Veröffentlichung
von 1971.
In England wurde die Doppel-LP wegen der hohen Kosten für das
aufwändige Cover in einer nur sehr geringen Erstauflage von wenigen
tausend Stück gefertigt, und bereits kurze Zeit später, wurden die
beiden
Schallplatten unter den Titeln
'Sound
Of Love' und 'Marley Purt Drive' einzeln verkauft.
Der Bertelsmann-Buchclub bot im Herbst 1969 eine
einzelne, 'Best Of Odessa' betitelte LP an, die die Songs 'Odessa (City
on the Black Sea)', 'Marley Purt Drive', 'Suddenly', 'Give Your Best',
'Lamplight', 'Sound Of Love', 'I Laugh In Your Face', 'First of May'
sowie 'With All Nations (International Anthem)' enthielt.
Ende Februar 2009 wurde 'Odessa' auch in Deutschland wiederveröffentlicht, während es in den USA bereits seit dem 12. Januar direkt über Rhino zu haben war. Aus der einstigen Doppel-LP und späteren Einzel-CD wurde nun ein 3-CD-Set, das zusätzlich das Album im Monomix enthält, sowie 23 Bonustracks! Als Fan der Bee Gees hat man natürlich vieles Unveröffentlichte bereits in seine Sammlung integriert, zumal nur zwei der Bonustracks wirklich neue, unveröffentlichte Songs sind, der Rest jedoch alternative Versionen, bzw. Mixe. Und über das Remastering der drei Studioalben von 1967 und 1968 hat es z.T auch heftige Diskussionen gegeben, da der Sound stellenweise unter allzu arger Kompression litt, was den Songs viel der Dynamik nahm.
Nicht so bei 'Odessa'!
Der Sound hat sich gegenüber der CD von 1985 deutlich verbessert! Die auf 'Odessa' erstmals eingesetzte 8-Spur-Technik gab dem Album ursprünglich
einen warmen und komplexen Sound, der 1969 noch nicht jedem Popalbum zueigen war. Sowohl die Polydor- als auch die späteren Karussell-Pressungen
ließen da vom Sound her kaum Wünsche offen. Besonders die orchestralen Werke auf dem Album präsentierten einen schönen Stereosound.
Absurderweise war es diese 8-Spur-Technik, die die
Techniker beim Monomix in Schwierigkeiten brachten. Waren es früher nur 4 Spuren, waren es nun deren acht die auf eine verdichtet werden mussten, ohne dass
Wesentliches verloren ging.
Vor allem der Gesang, der im Stereomix ganz prominent in der Mitte zu hören ist, drohte im Monosound unter zu gehen und sich mit den Streichern
oder den akustischen Gitarren zu vermischen. Entsprechend musste man dessen Lautstärke anheben und gleichzeitig andere Elemente, etwa den
Hintergrundgesang, im Pegel absenken. So konnte man das mit 8-Spuren zwar komplexer handhaben, hatte aber offenbar auch öfter die Qual der Wahl.
Das hört man der zweiten CD, die den 1969 nur in England erschienenen Monomix enthält, deutlich an. Zwar darf man CD 1 und 2 nicht nebeneinanderstellen,
da der Monomix von der originalen Masterbändern ohne ein Remastering übernommen wurde. Aber schon die Vinylversion 1969 machten den Unterschied deutlich.
Man sollte sich damit auch nicht unnötig aufhalten. Um die Sammlung zu vervöllständigen hat der Mix in sauberer CD-Qualität sicher
seine Berechtigung aber öfter hören wird man ihn kaum. Außer 'Lamplight': das gefällt mir im Monomix nach wie vor besser!
Das Spannendste ist dann aber natürlich die dritte CD mit dem unbekannten Material, 'Sketches For Odessa' benannt. Obwohl bis auf zwei Songs alle Titel bekannt sind, erwarten
einen dann doch ein paar Überraschungen. Da die Songs in der Album-Reihenfolge präsentiert werden, beginnt das Ganze mit einer knapp
siebenminütigen Demoversion von 'Odessa', dem allerersten Take des Songs, der noch etwas unbeholfen und unausgereift klingt. Neben der
spanischen Gitarre und dem Cello Paul Buckmasters hört man hier ein Mellotron (das auf allen Demos immer wieder auftaucht) und erstaunlicherweise auch schon ein Orchester in
kleiner Besetzung. Viele weitere Versionen wurden damals von 'Odessa' eingespielt, bis der Song so stand, wie wir ihn heute kennen. Die hier enthaltene frühe
Demoversion bringt keinen Mehrwert. Ähnlich wie der zweite Titel. 'You'll Never See My Face Again' ist ebenfalls eine frühe, in den New Yorker
Atlantic Studios entstandene Version, die man aber durchaus als Alternative Version bezeichnen kann. Das gilt ebenso für die alternativen Versionen
von 'Melody Fair', 'Lamplight' und 'Suddenly'. Obwohl sie nur in Mono vorliegen, scheinen sie fertig arrangiert. 'Lamplight' hat schon die französischen
Eröffnungszeilen, die der enthaltenen Demoversion noch fehlen, doch Maurice' rumpelnder Bass bringt den Song öfters ins Stolpern und er klingt
unrund und ist zudem über 5 Minuten lang. Auch der Harmoniegesang klingt ein wenig schräg.
Ein kleines Juwel stellt für mich 'Black Diamond' dar. Ein Demo mit Robin Gibb am Piano, Colin Petersen am Schlagzeug und Maurice Gibb spielt Gitarre
und Mellotron. Man hört, dass der Song noch nicht so ganz zu Ende gedacht ist und so kommt er sehr holprig aber auch sehr direkt rüber.
Ganz anders das Demo zu 'Melody Fair' etwa, das dem Original schon näher kommt, wo man aber noch mit den Gesangsarrangements kämpft und auch noch
keinen ausarrangierten Rahmen hat, so dass der Song gegen Ende auseinanderfällt.
Ein Großteil der Songs wurde während der abgebrochenen US-Tour im Herbst 1968 in den New Yorker Atlantic Studios aufgenommen. Robin Gibb
war damals nicht anwesend sondern erholte sich von seinem Zusammenbruch, der zum Abbruch der Tour geführt hatte. Später wurden einige Songs in
London in den IBC Studios überarbeitet, dann wieder gemeinsam mit Robin. Wie unterschiedlich diese Sessions ausfielen, hört man an dem Song 'Edison',
der in seiner frühen Fassung noch 'Barbara Came To Stay' hieß und von Barry alleine gesungen wurde. In London wurde dann Barrys Gitarrenspur weggelassen
und eine Orgel dazugemischt. Außerdem wurden der Gesang, bei dem sich Barry und Robin nun abwechselten aber auch gegenseitig im Hintergrund begleiteten,
neu aufgenommen. Von hier an war es bis zur endgültigen Version nicht mehr sehr weit.
Ebenso in New York eingespielt, aber später
in London ergänzt, wurde einer der Höhepunkte des Albums. 'Marley Purt Drive' unterscheidet sich aber in den beiden Versionen kaum. Die New Yorker Version
hat eine alternative Gesangsspur, die Streicher zum Ende fehlen und die Gitarre wurde für das Album später etwas in den Hintergrund gemischt.
Von 'Whisper Whisper' enthält diese CD dagegen nur eine etwas über eine Minute lange Version, ganannt, Part Two. Offenbar war der Song einst in drei
Teile gegliedert. Auf dem Album hörte man schon immer deutlich, dass der Song am Ende offenbar einfach abgeschnitten wurde. Zwar fehlt hier auf diesem
Reissue des Albums eine komplette Version des Songs (und vielleicht existiert diese auch gar nicht mehr), doch dieser Part Two ist nun enthalten, ebenfalls
in New York enstanden, während die Album Version später in London komplett neu eingespielt wurde.
Von 'Sound Of Love' wurden in London
die Streicher aufgenommen, während der komplette Rest des Songs in New York entstanden war. Später, für das Album, ersetzte man auch noch die Gesangsspur
von Barry. Diese CD enthält nun diese originale Gesangsspur aber mit den später hinzugefügten Streichern. Ein großartiger Song, den ich viel besser
finde als das Original. Von 'Give Your Best' ist hier die unveränderte erste Version von den New Yorker Sessions enthalten, die aber nur wenig anders klingt
als die Version, die es damals auf das Album geschafft hatte. Langweilig bleibt eben langweilig.
'I Laugh In Your Face' wurde am selben Tag wie 'I've Gotta Get A Message To You' eingespielt und war ursprünglich als desen B-Seite vorgesehen.
Der Monomix, der davon erstellt wurde, spielte wie alle Monomixe das 'Idea'-Albums etwas zu schnell. Für den Monomix von 'Odessa' wurde jedoch
ein neuer Mix produziert, der auch hier auf CD 2 zu hören ist. Die alternative Version auf CD 3 ist dann dieser ältere und 10 Sekunden kürzere
Mix vom Sommer 1968.
Interessant ist auch der alternative Monomix von 'Never Say Never Again', der mit einem etwas verstörendem Gitarrenspiel
(wahrscheinlich von Maurice Gibb) aufwartet und auch eine alternative Gesanssgspur enthält. Alles wohl mehr ein Scherz - oder eine coole B-Seite
für eine Single.
Die einzige damals aus dem Album ausgekoppelte Single enthielt 'First Of May' und 'Lamplight'. Und genau wie von 'Lamplight' enthält diese CD zwei
Versionen von 'First Of May'. Eine wundervolle Demoversion, auf der Barry Gibb ganz alleine zum Klavier singt und einen alternative Monoersion mit
allem Drum und Dran, auf der Barry aber doch ein wenig zu dick aufträgt. Ähnlich wie die Albumversion, wird diese unverständlicherweise ausgeblendet,
bevor Barry die letzte Zeile des Songs zu Ende gesungen hat. Völlig überflüssig.
Ebenso überflüssig eine Version von 'With All Nations (International Anthem)',
die eine Gesangspur enthält, die man für das Album dann doch besser weggelassen hat. Schöner ist da schon das Demo zu 'Seven Seas Symphony' auf der
sich Maurice Gibb als Pianist ernster Musik versucht. Bill Shepherds Adaption war dann doch die bessere Wahl. Was fehlt ist ein Demo zu 'The British Opera', was den
Schluss nahe legt, dass dieser Song ein reiner Füller war, mit dem die Brüder Gibb nichts weiter zu tun hatten.
Bleiben die unveröffentlichten Songs. 'Nobody's Someone', das viele Fans bereits von diversen Bootlegs kennen, ist hier jedoch in einer anderen, von
einem Glockenspiel beherrschten Version enthalten und erinnert weniger an 'Odessa' als eher an 'Idea'. Schöner Song, bekloppter Text.
Der zweite unveröffentlichte Song heißt 'Pity'. Er wurde in New York eingespielt aber später nicht für das Album berücksichtigt. Wenn man genau
hinhört erkennt man Elemente des Songs 'Completely Unoriginal', der nur zwei Monate zuvor entstanden war und ebenfalls unveröffentlicht geblieben war,
bis er 2006 mit 'Idea' als Bonustrack veröffentlicht wurde. 'Pity' wird von Barry gesungen und hat einen bestechend kurzen Refrain: "Pity!"
Alles in allem wirkt die 2009er Deluxe Edition ebenso etwas aufgeblasen, wie das Album einst. Auf 3 CDs bekommt man jeden der 17 Odessa-Songs bis zu viermal vorgesetzt. Das mag im einen oder anderen Fall ganz interessant sein, rechtfertigt meines Erachtens aber den Preis nicht. Die Box macht deutlich auf welch dünnem kreativen Eis sich die Band damals bewegte. Die internen Querelen lassen sich auf der Bonus-CD deutlich nachvollziehen. Was 1969 noch wie ein prima Album funktionierte und für viele Fans zum Besten der Band zählt, wird mit dieser Box nun ganz offiziell zu Grabe getragen. Die Bee Gees waren am Ende der 60er weniger eine Band, als ein Konstrukt, dessen Fragilität diese Box dokumentiert. Das mag auf manchen Bee-Gees-Fan eher ernüchternd wirken und somit den Endruck, den diese Box hinterlässt, etwas trüben; eine Doppel-CD in einem vernünftigen Preis-Leistungsverhältnis hätte da eventuell schon helfen können. Meiner Meinung nach hätte eine Zusammenfassung der Alben 'Odessa' und 'Cucumber Castle' ohnehin mehr Sinn gemacht, zumal schon viele der Odessa-Songs praktisch ohne Robin Gibb enstanden waren. Und man hätte ein kombiniertes Boxset schön als Abschluss eines Kapitels in der Historie der Band präsentieren können.




