LIFE IN A TIN CAN
März 1973
'Life In A Tin Can' war das erste Album auf
dem neu gegründeten RSO-Label. Es erschien in den
USA bereits im Januar 1973, nur einige Tage nach der Veröffentlichung
der Single 'Saw A New Morning'. Offiziell waren die Bee
Gees erstmals als alleinige Produzenten aufgeführt.
Tatsächlich hatten sie aber auch auf den vorhergehenden Alben diesen
Part bereits inne. Ansonsten war an diesem Album jedoch nichts wie
zuvor. Ein neues Land, eine neue Stadt, ein neues Studio, neue Musiker
und mit Johnny Pate auch ein neuer Arrangeur.
Der Sound
des Albums ist eher akustisch, weniger Streicher, ein paar Tupfer
Country, hin zum Singer/Songwriter-Stil der damaligen Zeit. Johnny
Pate, dessen Karriere Stationen wie Duke Ellington
oder B.B. King beinhaltete, lieferte sein
Meisterwerk mit seinem Arrangement für 'Saw A New Morning' ab. Das
erinnerte einerseits an die früheren Bee Gees,
klang aber auch neu in seiner komplexen Struktur, mit abwechselnd
lauten und leisen Passagen.
Auch wenn ein ähnlicher Song auf dem Album kein weiteres Mal zu finden
ist, hat Johnny Pate doch mehr Einfluss auf die
Enstehung des Album gehabt als man beim Hören vermuten könnte. So
wurden auf seine Empfehlung hin nicht nur Meisterschlagzeuger Jim
Keltner und Steelgitarrist Sneaky Pete Kleinow
ins Studio geholt, sondern mit Jane Getz und Jerome
Richardson auch zwei
renommierte Jazzmusiker. Aus dem
eigenen (RSO-)Haus stieß Bassist Rick Grech dazu,
der schon mit Family und Ginger Baker
gearbeitet hatte und seit seiner Zeit mit Blind Faith
bei RSO unter Vertrag stand.
Maurice
Gibbs Einfluss auf die Musik der Bee Gees
war auf diesem Album recht
eingeschränkt. Hatte er auf früheren Alben noch eine ganze handvoll
Instrumente gespielt, begnügte er sich auf 'Life In A Tin Can'
weitgehend mit dem Part des Bassisten. Außerdem spielte er die meisten
akustischen, sowie eine herrliche elektrische Gitarre auf 'While I
Play'.
Der etwas nach Country riechende Sound des Albums entstand ganz klar
unter den Einfluss Barry Gibbs. Seine Kompositionen
sind eindeutig in diese Richtung angelegt und dominieren das Album. Im Gegensatz dazu wird das
hochdramatische 'Method To My Madness', das noch am ehesten als
typischer Bee-Gees-Song durchgeht, von Robin Gibb
dominiert. Und obwohl die meisten Songs das Albums schwach sind, wirkt
der Sound doch frisch und hat etwas Leichtes, das man von der Band seit
'Bee Gees First' nicht mehr
gehört hatte. Leider wirken viele Ideen auf dem Album unfertig und die
Verunsicherung der Brüder ist mehr als spürbar. Songs wie 'Living In
Chicago' oder 'My Life Has Been A Song' wirken trotz (oder wegen) ihrer
simplen Struktur durch ewige Textwiederholungen unnötig aufgeblasen und
sind mit das Ödeste was die Gebrüder Gibb je produziert haben.
Die Popularität der Bee Gees war auf einem derartigen Tiefpunkt angelangt, dass das Jahr 1973 zum Schicksalsjahr hätte werden können. Das Ende der Band war ebenso greifbar, wie die Richtungslosigkeit der Brüder. Sowohl 'Saw A New Morning' als auch die Nachfolgesingle 'Wouldn't I Be Someone' wurden weltweit ignoriert. Alleine im fernen Asien hielten die Fans der Band die Stange. Folgerichtig führte die Tournee von 1973 durch Japan. Und während die Bee Gees in Europa beinahe in Vergessenheit gerieten, konnten die Fans in den USA ihre Lieblingsband zumindest im Mitternachtsprogramm Midnight Special bewundern, wo sie 1973 neben anderen abgehalfterten Musikstars der 50er und 60er Jahre gleich dreimal auftraten.
Der Misserfolg von 'Wouldn't I Be Someone' ließ Robert Stigwood keine Wahl. Das bereits fertig produzierte Nachfolgealbum 'A Kick In The Head' (eigentlich 'The Bee Gees Album') wurde von ihm (und Atlantic Records) zurückgewiesen. Sein noch junges Label RSO konnte sich keine Flops mehr leisten, denn bisher waren die Hits ausgeblieben. (Tatsächlich musste Stigwood bis Sommer 1974 auf den ersten Hit warten. Damals erschien Eric Claptons 'I Shot The Sheriff' und das dazugehörige Album '461 Ocean Boulevard'.) Auch bei den anderen Acts aus dem Hause RSO wie den Bands Ross und Blue blieb der Erfolg aus, was Stigwood auch schon mal mit einer Kündigung quittierte. Jimmy Stevens etwa, dessen von Maurice Gibb co-produziertes Album völlig unterging, verlor prompt seinen Plattenvertrag Ende 1973. Stigwood ließ seinen Musikern kaum die Zeit, einen Sound zu entwickeln. Was sich nicht verkaufte wurde gekippt.
Die Tatsache, dass Stigwood
mit seinen neuen Acts keinen Erfolg hatte, das junge Label jedoch
dringend welche brauchte, hatte ihn vermutlich dazu veranlasst,
schließlich doch wieder auf die "alten Pferde" wie die Bee
Gees oder Eric Clapton zu setzen. Während
er Clapton nach dessen überwundener Heroinsucht in die Criteria
Studios nach Miami schickte und ihm eine völlig neue Band
(u.a. mit George Terry und Yvonne Eliman.
Diese wurde ein Jahr darauf durch Marcy Levy
ersetzt, später übrigens bekannt geworden unter dem Namen Marcella
Detroit, ein Teil des Duos Shakespears Sister)
zur Seite stellte, brachte er die Brüder Gibb mit dem Atlantic-Hausproduzenten
Arif Mardin (==> News)
zusammnen. Eric Clapton schaffte sein Comeback
prompt im Jahr 1974, bei den Bee Gees dauerte es
noch ein Jahr länger.
'Life In A Tin Can' erschien in einem Gimmick-Cover, bei dem die Band den Hörer aus einer Blechbüchse heraus anschaute. Das geplante Nachfolgealbum 'A Kick In The Head' sollte im Herbst 1973 erscheinen (RSO Bestellnummer SO 871). Nach dessen Ablehnung ging die Band im November 1973 mit Arif Mardin (==> News) ins Studio, um neue Songs einzuspielen.
'A Kick In The Head' tauchte erstmals Ende des letzten Jahrhunderts als Bootleg der Ladybird-Reihe in recht guter Qualität auf. 2001 schließlich erschien eine inoffizielle CD mit 11 unveröffentlichten Songs plus 'Wouldn't I Be Someone', 'King And Country' und 'Elisa' in beinahe Studioqualität.


