MAINE COURSE
Juni 1975
Im Zusammenhang mit diesem Album und dessen Vorgänger Mr. Natural wird immer wieder die Geschichte erzählt, es seien deswegen keinerlei Fotos der Band auf den Covers abgebildet, weil man nicht offenbaren wollte, dass es sich um weiße Musiker handelte. Das würde passen, denn es gab offenbar ganz klare Vorgaben für den Sound dieses Albums und eine klare Strategie seitens Robert Stigwoods, die Bee Gees in einem ganz neuen Genre zu etablieren: Mit Arif Mardins (==> News) als Produzenten, den USA als zu eroberndem Markt und mit Atlantic als dortigem Vertriebspartner, war da der R&B eine beinahe logische Richtung.
Es geht auch die Geschichte um, dass Stigwood die Aufnahmen zu 'Main Course', die im Januar 1975 begonnen hatten, zurückpfiff nachdem er die ersten Songs gehört hatte. Er forderte angeblich mehr R&B - und die Band ging erneut ins Studio und kam mit 'Nights On Broadway' wieder heraus.
Ob das alles so stimmt weiß man nicht, es scheint aber durchaus plausibel, denn mit der ersten Single 'Jive Talkin', im Mai 1975 veröffentlicht, lehnte man sich sehr weit aus dem Fenster, denn damit waren natürlich nicht die alten Fans der Bee Gees angesprochen. Hier wurde ganz gezielt auf Verwirrung und, ähnlich wie 1967, auf Desinformation gesetzt. Die Band wurde zunächst ganz bewusst im Hintergrund gehalten und zum zweiten Mal klappte es, dass das "Produkt" erhört wurde. Wollte man 1967 jedoch auf einen Zug aufspringen um der Musikwelt klarzumachen, dass die Beatles so einzigartig nun auch nicht seien, musste man sich 1975 schon fragen, ob das Verleugnen der Bee Gees ein so kluger Schachzug war, bzw warum Robert Stigwood das ein zweites Mal praktizierte.
Es gibt nämlich durchaus Stimmen, die nicht zu Unrecht in diesem Manöver den Grundstein für die spätere Ablehnung und gezielte Ignoranz der US-Medien gegenüber den Bee Gees sehen. In einem Interview mit einem amerikanischen Musikjournalisten Mitte der 80er Jahre, äußerte dieser sinngemäß, dass man im dem Moment, als die Stimmung in den Staaten gegen die allgegenwärtige Discomusik zu kippen begann, so etwas wie Rachegedanken gegen Stigwood aufkamen. Offenbar hatten es viele im Musikgeschäft Robert Stigwood nicht nur übel genommen, damals getäuscht worden zu sein; Stigwood war mit seinen aggressive Methoden (für die er ja schon in den 60ern in London legendär war) offenbar manchem im Musikgeschäft auf die Füße getreten. So wurde er für viele Journalisten und Discjockeys offenbar zu einem prima Feindbild. Und obwohl man gegen die Bee Gees gar nichts hatte, mussten sie als Angriffsfläche herhalten - was ja auch nicht schwer viel. Auch sie waren damals allgegenwärtig.
Das Interview wurde in einer Keyboard-Zeitschrift veröffentlicht, die sich damals mit Blue Weaver beschäftigte. Er erzählte auch, wie Stigwood dafür gesorgt hatte, dass Weavers Rolle in der Band sich auf das Bedienen der Tasteninstrumente beschränkte und sein Einfluss auf die Musik der Bee Gees weitestgehend inoffiziell bleiben musste. Heute wissen wir, das Weaver zumindest am Enstehen von z.B. 'How Deep Is Your Love' entscheidend beteiligt war. Die Credits dafür wurden ihm jedoch verweigert.
Dabei war Blue Weavers Einfluss an allen Enden des Album zu erkennen. Sein Keybordsound prägte die Hälfte der Songs. Was wäre 'Jive Talkin' ohne den Synthesizerbass Weavers, den er parallel zum Basslauf von Maurice Gibb spielt? Ganz zu Schweigen von der wunderschönen Melodie, die Weaver zu 'Songbird' beisteuerte.
Alles in allem war und ist 'Main Course' trotz seines Erfolgs und einer handvoll großartiger Songs, doch eher ein durchschnittliches Album und macht bei weitem nicht den geschlossenen und stimmigen Eindruck, den Mr. Natural hinterlassen hatte. Andererseits war es durchaus verständlich, wenn von Funk über Rock, Country und Pop alle Stilrichtungen auf dem Album ausprobiert waren. Die Richtung wurde eben noch gesucht. Dabei kamen Songs wie 'Come On Over', 'All This Making Love' oder 'Edge of the Universe' heraus, die gegenüber dem Rest des Albums stark abfielen. Trotzdem nimmt es in der Historie der Bee Gees natürlich eine herausragende Stellung ein. Und auch für Barry Gibb war es von eminenter Bedeutung, da er bei den Aufnahmen zu diesem Album sein Falsettgesang entdeckte, der den Gesangsstil und den Sound der Band in der Zukunft prägen sollte. Hier hört man ihn nur ganz kurz in 'Nights On Broadway' und, nicht ganz so extrem, auf 'Baby As You Turn Away'.
'Jive Talkin' erreichte als vorab veröffentlichte Single in den USA und England Platz 3, bzw. 5. 'Nights On Broadway' und 'Fanny (Be Tender With My Love)', ein knappes dreiviertel Jahr später als Single veröffentlicht, liefen dort ebenso erfolgreich. In Deutschland zündete das Album samt seinen Singles noch nicht so richtig. (Tatsächlich sollten die Bee Gees erst im Februar 1978 mit 'Stayin' Alive' ihren ersten Top 15 Hit seit 'I.O.I.O.' haben!) Trotzdem wurde es das bis dahin meistverkaufte Album der Band, ganz ohne das Zutun des früheren Kernmarktes Europa (und da besonders England und Deutschland). Auch insofern nimmt 'Main Course' in der Diskografie der Bee Gees eine besondere Stellung ein!
Ein schönes Dokument aus dieser Zeit, ist das Soundstage-Konzert der Bee Gees, aufgenommen in Chicago im Sommer 1975. Man kann deutlich sehen, wie weit die Band noch vom "Superstarstatus" entfernt war. Von Disco gibts weit und breit keine Spur.
Ein knapp 50-minütiges Konzert (mit Yvonne Elliman als Gast), mit einer breiten Songauswhl (Schwerpunkt ist natürlich 'Main Course') und dem Soundstage-üblichen Antwort- und Fragespiel der Band mit dem Publikum!







